Eine Zeitzeugin berichtet aus ihrem Leben

Ihr Weg führte schon mehrfach an die Orte der Kindheit zurück. Das letzte Mal war sehr schicksalshaft: Im September 2014 entdeckte Ursula Vaupel die Stolpersteine vor ihrem ehemaligen Wohnhaus in der Weißenburgstraße, die an Paul Kester erinnern. Er überlebte durch einen Kindertransport den Judenmord. Und Ursula Vaupel versuchte sich zu erinnern: Was geschah mit den Kindern, die auf einmal verschwanden? Diese Frage stellte sie auch bei diesem Wiesbadenbesuch, der sie in die Aula der Elly-Heuss-Schule führte, die noch Boseplatzschule hieß, benannt nach einem General.

Aus Eschwege mitgebracht hat sie ihre Lebenserinnerungen von 1928 bis 1950, als sie Wiesbaden verließ und in Frankfurt Deutsch und Geschichte studierte – auf Lehramt. Und Lehrerin war sie bis zu ihrer Pensionierung 1988 sehr gerne. Dies berichtet sie den 110 Schülerinnen und Schülern der Klassen 9 und 11, die in der Aula gespannt zuhörten.

Diesmal kam keine Zeitzeugin wie Gertie Meyer-Jörgenson oder Germaine Shaffran, beide Holocaustüberlebende sind nicht mehr unter uns. Sie berichtete uns aus ihrem Buch vielmehr über die Verführung hin zum BDM-Mädel. Weshalb sie dabei sein wollte, wie es die Schule unterstützt hatte. Ihre Kindheit hatte Ursula Vaupel von 1935 bis 1943 in Wiesbaden verbracht. Seit 1938 ging sie zum BDM. Die Familie übersiedelte in den so genannten Warthegau, der Vater war schon vor 1933 engagierter DNVP-Funktionär, und floh im Januar 1945 nach Westen. Erst im Jahr 1946 kam sie nach mehreren Stationen in Sachsen und Thüringen hier wieder an und durfte ihr Lyzeum wieder besuchen – und 1948 das Abitur ablegen. Frau Vaupel las ausgewählte Abschnitte ihrer Lebenserinnerungen vor, die von der Geschichtswerkstatt Büdingen herausgegeben worden sind. Von Geburt an fehlt ihr der linke Unterarm, weshalb sie eigentlich für eine BDM-Karriere nicht infrage kam, die wollte aber und bekam eine Spezialaufgabe: Mädchen und deren Familien, die nicht mitmachen wollen, motivieren.

Besonders interessiert hat sie die Schulfestschrift von 1957, in der die allermeisten ihrer Lehrerinnen und Lehrer versammelt und zumeist kurz porträtiert sind. Entsprechend übergab Herr Hellemeier nebst einem Blumenstrauß ihr ein Erinnerungsbuch mit Schülerinnen, die von ihrer Schulzeit in den 1930er und 1940er Jahren berichten – Gedichte auf Lehrer inklusive. Hellemeier lobte die Konzentration der Schülerinnen und Schüler. Die anderthalb Stunden in der Aula waren für die meisten eine Zeitreise, die auch allgemeine Fragen provozierte: Verführbarkeit auch heute, Gruppendruck und Dynamik in der Clique, rechtsradikales Gedankengut. All das ging vielen noch nach. Ein Dank gebührt Frau Goßmann, die Tochter ihrer besten Schulfreundin und Frau Vaupels Tochter Nora sowie ihrem Ehemann, der sie begleitet hat. Auch den Mitarbeiterinnen der „Spiegelgasse“ sei gedankt für ihre Teilnahme, der Aulatechnik für die Unterstützung.

hs

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